Fehlgeburten - Nur eine ganz kleine Zahl an Kindern entwickelt sich


Das Problem: Man spricht nicht darüber

TÜBINGEN. Fast jeden Tag werden an der Tübinger Uniklinik Patientinnen mit Fehlgeburten behandelt. »Das ist ein sehr häufiger Eingriff«, sagt Harald Abele, Oberarzt in der Geburtshilfe. »Bezogen auf alle Schwangerschaften entwickeln sich nur eine ganz kleine Zahl an Kindern bis zur Lebensfähigkeit.« Bis zur zwölften Woche wird ein Abort meist operativ gelöst, ganz am Anfang fast ausschließlich ambulant. Ab der 13. Woche müssen die Frauen das Kind ausstoßen. Insbesondere bei den späten Aborten ist die Entbindung wichtig für die Frauen, weiß Abele. »Den Prozess bis zum Schluss zu gehen, auch wenn die Schwangerschaft nicht geglückt ist, ist der natürliche Weg.« Damit seien die Bedingungen für die nächste Schwangerschaft deutlich besser als nach einer Operation. Eine Fehlgeburt sei im Leben einer Frau etwas Selbstverständliches. Das Thema wird in der Gesellschaft jedoch tabuisiert. »Da besteht ein riesiges Informationsdefizit«, sagt Abele. Eine Schwangerschaft wird als das natürlichste der Welt empfunden, eine Fehlgeburt aber nicht. Sie gehört jedoch dazu. »Man spricht nicht darüber, das ist das Problem«, bestätigt Susanne Haen, Oberärztin in der Kinderpathologie. Die Umgebung kann nur schlecht mit der Trauer von Eltern umgehen, denen ein Kind tot zur Welt kommt. Und die Mütter und Väter sind verunsichert. Fragen sich, ob es beim nächsten Mal klappen wird. Das Wiederholungsrisiko nach einem Abort ist statistisch nicht sehr hoch, sagt Abele und empfiehlt, möglichst drei Monate zu pausieren bis zum nächsten Versuch, schwanger zu werden.

Geborgenheit unter Betroffenen

Prinzipiell ist es richtig, darüber zu reden, sagt die Medizinerin. In Selbsthilfegruppen finden die Eltern Geborgenheit unter Betroffenen. Das gilt aber nicht für alle, weiß Abele. Eine Totgeburt geht an die Grundfesten der Existenz, das machen viele Frauen oft lieber mit sich und dem Partner aus. Fast jede zweite Schwangerschaft geht nach der Befruchtung innerhalb der ersten drei Wochen ab, sagt Susanne Haen. 20 Prozent enden, bevor sich das Ei einnistet, zehn Prozent in dem Zeitraum der Einnistung, und jede fünfte Schwangerschaft führt in der Zeit danach zu einer Fehl- oder Totgeburt. Damit ereignen sich spontane Aborte in 50-75% der Schwangerschaften von denen 10-15% klinisch diagnostiziert werden.

Als Fehlgeburt bezeichnen die Ärzte einen Embryo, der weniger als 500 Gramm wiegt und ohne Lebenszeichen geboren wird. Als Totgeburt gilt ein Kind über 500 Gramm, das »nach dem Scheiden vom Mutterleib« nicht atmet, keinen Herzschlag oder das Pulsieren der Nabelschnur aufweist. Die Beerdigung der Föten, die die Uniklinik einmal im Jahr organisiert, ist für viele Eltern hilfreich, sagt die Ärztin. »Man sieht: Es gibt viele Betroffene.« (ist)

Quelle: Reutlinger General-Anzeiger

Kinder-Bestattungstermine

Die gemeinsame Bestattung findet zweimal jährlich, immer am 2. Freitag im Mai um 13.00 Uhr im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes auf dem Bergfriedhof Tübingen statt.

 





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